Seinen Degen beinah sanft versenkt

Bilder aus dem spanischen Stierkampf

Tranvia 1992 Nr. 25 ( leicht überarbeitet )

Die Überschrift dieses Textes ist einem Gedicht von Rainer Maria Rilke entlehnt: Corrida. In memoriam Montez, 1830. Er schrieb es im Jahre 1905, fünf Jahre, bevor er nach Spanien kam, um einen Winter in Ronda zu verbringen. Rilke hat niemals einen Stierkampf gesehen. Seine Sehnsucht nach dem Land und die Beschäftigung mit den Bildern Goyas und Ignacio Zuloagas reichten aus, das Motiv zu finden: der Stier als schwarzes Symbol des Hasses. Ich lebe seit vier Jahren auf der iberischen Halbinsel. In dieser Zeit habe ich zwanzig Stierkämpfe erlebt. Das sind 120 getötete Stiere, einige mehr oder weniger schwer verletzte toreros und die Angst der Pferde. Viel zu wenig, um mir ein vollständiges Bild von der corrida zu machen, viel zu wenig auch, um die eigenen Emotionen zu entwirren. Die Schwierigkeit besteht für mich darin, herauszufinden, was ich wirklich fühle, nicht, was ich nach den Ratschlägen der aficionados unter meinen spanischen Freunden und der Lektüre einschlägiger Literatur fühlen sollte. Bis heute weiss ich nicht, ob mir der Stierkampf gefällt. Er fesselt mich ! Der Dichter hat das Recht, die Pflicht, sein Thema künstlerisch zu überhöhen. Er entnimmt seinen Stoff der Wirklichkeit, um in deren Bearbeitung die eigenen Bilder, Empfindungen und Phantasien zu entwickeln. Ich will versuchen, das zu beschreiben, was ich sehe, kunstlos und ohne gewalttätige Metaphern. Ich wünsche mir einen vorurteilsfreien Leser, der noch nie einen Stierkampf erlebt hat. Er sollte weder Tierschützer noch Soziologe sein.

Der Stier läuft in die Bewegung des Tuches, nicht in dessen Farbe. Die ersten Male habe ich mich von den paso dobles, der Menschenmenge und ihren erregten Rufen, der Architektur der Arenen und dem schweren Parfüm der spanischen Frauen berauschen lassen. Heute wünsche ich mir Unmögliches: einen Stierkampf ohne Ablenkung. In Schwarzweiss. Nur die Gerüche. Wenn die Zeit reicht und die Türhüter gnädig gestimmt sind, gehe ich vor Beginn der corrida in den patio de caballos. Die picadores reiten ihre Pferde ein. Ich rieche die dampfenden Tierleiber. Immer tragen sie offene Wunden an den Sprunggelenken. Die viel zu kurze Spanne zwischen den Kämpfen reicht nicht aus, sie verheilen zu lassen. Ich bin kein Tierfreund. Dazu esse ich zu viel und zu gerne Rindsbraten. Auch Austern. Lebendige ! Sieht man einmal ab von manchen buddhistischen Mönchen, die angeblich ihre Fussknöchel mit Schellen versehen, um die ihre Wege kreuzenden Würmer und Käfer zur rechtzeitigen Flucht zu veranlassen, stehen Tierliebe und Tiermitleid in einem umgekehrt proportionalem Verhältnis zur entwicklungsgeschichtlichen Entfernung von Mensch und Tier. Mir ist kein Fall bekannt, wo sich eine Bürgerinitiative gegen das Austernessen gebildet hätte. Die banderilleros sind Kettenraucher. Entweder stehen sie in sich gekehrt, oder sie täuschen lässige Souveränität vor. Manchmal grüssen sie einen Bekannten, empfangen einen aufmunternden Rippenstoss, eine zärtliche Umarmung von Mann zu Mann. Spanien ist das Land der geistigen Homosexualität. Alle sind sie Freunde in diesen Minuten. Ich fühle mich Jahrhunderte von ihnen entfernt. Motorengeräusche ... das Schlagen von Autotüren ... die matadores kommen ... drei für die schon früh am Morgen unter ihnen verlosten sechs Stiere des Nachmittages. Ihre mit Flimmerplättchen, Tressen und Stickereien reich verzierten trajes de luz reflektieren glitzernd die Sonne. Hauteng und mit einem Gewicht von gut zehn Kilogramm beschränken sie die Beweglichkeit und sind in der Hitze der Arena mehr Hindernis als Schutz. Die Männer, der jüngste vielleicht achtzehn, neunzehn Jahre alt, kritzeln abwesend ihre Namenszüge auf ein Stierkampfprogramm, ein Heiligenbild, eine Postkarte, die man ihnen vor die Brust hält und verschwinden hastig in der Kapelle. Blass sehen sie aus, angespannt. Ohne Angst kein Torero !!! heisst es. Ein Spanier undefinierbaren Alters will mir eine Tüte Erdnüsse verkaufen. Ich schätze, dass er höchstens noch drei, vier Zahnstummel besitzt. In Spanien bezahlen die Krankenkassen nur Extraktionen.

Der Stierkampf sei grausam, behaupten seine Gegner. Ein Volk belustige sich an Brutalität und Todesqual. In Strassburg versuchen v. A. deutsche Europaparlamentarier, sein Verbot zu erreichen. Unzivilisiert nennen sie die corrida, atavistisch, barbarisch und meinen damit den Spanier. Schon immer war Errol Flynn der Gute und hatte Anthony Quinn den schwarzen, spanischen Part zu spielen. Ein Land wie meines, das es beinahe geschafft hat, Europa in eine tausendjährige Barbarei zu stürzen, sollte sorgsamer umgehen mit seinen Vorurteilen. Der Stierkampf ist ein heidnischer Ritus. In ihm hat sich der Mithraskult erhalten, mit dem sich die spätrömischen Soldatenkaiser dem Christentum entgegenzustemmen versuchten. Zentrum des Kultes war das Taurobolium, die Taufe mit dem Blut des getöteten Stieres. Sie erweckte den Getauften zu neuem Leben. Die Existenz des Menschen ist von Todesangst bestimmt. Das Sterben des Stieres vermittelt dem Zuschauer einer corrida das vorübergehende Gefühl eigener Unsterblichkeit. Indem der matador stellvertretend für ihn den Stier tötet, besiegt er den Tod. Das ist der Augenblick der Wahrheit. Nicht der Stier, der Tod wird getötet ! Diese Dimension entgeht der Kritik des „Zivilisierten“. Er spricht von Mord, Schinderei, Hysterie und ist verstört, dass der Tod in der Arena öffentlich geschieht, nicht versteckt, funktional, hinter den Mauern von Schlachthöfen, Nerzfarmen, Abdeckereien. Als Christ vergisst er, dass auch seine Religion den Todesritus kennt. Jesus Christus opferte sich, um ihm die Angst vor dem Sterben zu nehmen. So betrachtet sind der Tod in der Arena und der Tod am Kreuz nicht weit voneinander entfernt.

Ich habe einen Platz in der Nähe der barrera gewählt, in der Nähe der Stelle, wo die Männer ihre capas über die hölzerne Brüstung werfen. Vor mir keine Menschen ! Nur der Kampfplatz ! Bequem kann ich meine Ellenbogen aufstützen, um dem Fernglas in meinen Händen Halt zu geben. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, den Ablauf wenigstens eines Kampfes nur im Gesicht des matadors nachzuvollziehen. Mein Kopf, die Schultermitte des mit ausgebreiteter capa im Platz knieenden matadors und eine gedachte Markierung im Sand vor dem Gatter, durch das der Stier kommen wird, sind Punkte auf einer leicht abfallenden Geraden. Ihre Neigung entspricht dem Winkel, in dem der matador später seinen Degen in den Nacken des Stieres versenkt. Wenn Alles gut geht, und der Stier gehorcht ! Die Hitze des Nachmittages frisst sich durch den Stoff meines Hemdes. Der Schweiss rinnt mir den Rücken hinab. Gierig atme ich den Geruch des feuchten, frisch gesprengten Sandes. Ein Teppich aus goldgelben Körnern. Über mir hängt hartes Blau. Der matador bewegt prüfend sein Tuch. Die capa kratzt über den Boden. Das Geräusch klingt wie alter, trockener Husten. Das Gatter wird hochgezogen. Es dauert, bis der Stier sich aus dem schützenden Schatten gelöst hat. Nur zögernd betritt er die Arena. Er hat die Sonne gegen sich. Bewegungslos steht er. Ein schwarzer Obelisk. Allein das Beben seiner Flanken verrät Leben. Im Bruchteil einer Sekunde zerspringt der Stein. Explodiert zu einer pfeilschnellen Masse aus Muskeln und Sehnen. Auf den ersten Metern ist der Stier schneller als jedes Rennpferd. Er stürzt sich in das Tuch. Für einen Wimpernschlag bilden Mensch und Tier eine Einheit. Dann entlässt der matador den Stier. In einem Wirbel aus Violett und Gelb, die Kniee fest in den Boden gestemmt. Die Hörner stossen zum Himmel. Eben noch sichtbar, zu verwunden, zu töten, wird der Gegner zum Rätsel.

Der Stierkampf ist keine Schlächterei. Er kann dazu werden, wenn schlechte toreros die Arena besetzen, zu jung, zu alt oder auch nur ungenügend ausgebildet und vorbereitet. Die Mittelmässigkeit einer Interpretation sagt nichts aus über die Qualität des Interpretierten. Etwas anderes ist es mit den Dorffesten, den capeas. In seinem Roman WEM DIE STUNDE SCHLÄGT gibt Hemingway eine auch heute noch gültige Beschreibung: Er packte den Schwanz des Stieres, um ihn von einem Umgefallenen wegzuzerren und ihn zu einer Spirale drehend. Einmal hatte er mit einer Hand den Schweif so weit herumgerissen, dass er mit der anderen Hand eines der Hörner packen konnte, und als der Stier den Kopf hob, um auf ihn loszugehen, war er rücklings mit dem Stier im Kreise gelaufen, den Schweif mit der einen Hand und das Horn mit der anderen festhaltend, bis die übrigen herangestürzt kamen und mit ihren Messern auf den Stier einstachen. In dem Staub und in der Hitze, in dem Geschrei und in dem Stier -, Menschen - und Weingestank war er einer der ersten gewesen, die sich auf den Stier hinaufschwangen, und er kannte das Gefühl, wenn der Stier unter ihm bockte und schaukelte und er auf dem Widerrist lag, den einen Arm um das dicke, untere Ende des einen Hornes geschlungen und mit der Hand das andere Horn festhaltend, die Finger gewaltsam verkrampft, während sein Körper hin und her geschleudert wurde und er das Gefühl hatte, sein linker Arm würde ihm aus dem Gelenk gerissen, während er auf dem heissen, staubigen, struppigen, rüttelnden Muskelberg lag, die Zähne fest in das Ohr gebissen, und sein Messer immer wieder und wieder in die schwellende, sich bäumende Wölbung des Nackens stiess, die nun seine Faust mit heissem Blut übersprudelte, wie er mit seinem ganzen Gewicht an dem hohen Schräghang des Widerristes hing und unaufhörlich auf den Nacken losstach, losstach, losstach ... Der moderne Stierkampf besitzt eine vorgeschriebene Dramaturgie. Seine conditio sine qua non besteht - im Unterschied zu den Dorffesten, wo die Stiere aus Kostengründen so oft wie möglich benutzt werden !- darin, dass der Stier niemals zuvor allein einem unberittenen Mann gegenübergestellt wurde. Die corrida besteht aus tercios, Dritteln. Die Pferde, die banderillas und die Tötung mit dem Degen sind Akte eines Dramas. Es darf nicht länger als fünfzehn Minuten dauern. Der Stier, sagt man, lernt in einer viertel Stunde mehr als ein Mensch während eines ganzen Lebens. Deshalb muss er in der vorgeschriebenen Zeit mit festgelegten Manövern so präpariert werden, dass ihn der matador mit dem Degen töten kann. Gelingt die Beherrschung nicht, durchschaut der Stier den Ablauf, und sein Gegner hätte nur eine geringe Möglichkeit, die Arena unverletzt zu verlassen. Der wirksamste Schutzheilige der Stierkämpfer ist Sir Alexander Fleming, der Erfinder des Penecillins. Vor Las Ventas, der Stierkampfarena von Madrid, steht seine Statue, um Vieles grösser als die Figur des unter ihm stehenden, ihn ehrfürchtig mit gezogener montera grüssenden matadors.

Trompeten !!! Die Pferde betreten die Bühne. Ihre Reiter halten die Lanzen senkrecht in ihren Fäusten. Ein Pferd überlebt im Durchschnitt vier, fünf corridas. Die Schmerzen sind durch die Decken grösser geworden. Unter Primo de Rivera hat man sie den Tieren verordnet. Um den Touristen den Anblick aufgeschlitzter Pferdeleiber und heraushängender Eingeweide zu ersparen, so die Begründung. Die Pferde tragen jetzt Augenbinden. Wie zum Tode Verurteilte. Der Kampfplatz ist von zwei konzentrischen Kreisen gedrittelt. Die picadores drängen ihre widerstrebenden Pferde an den äusseren der beiden Kreise. Sie stehen sich jeweils an den Schnittpunkten der Kreishalbierenden gegenüber. Einer von ihnen in Reserve, falls der Stier ausbrechen sollte. Jetzt gehört der Stier dem matador. Während des Aufdeckens der Stiere durch seine Gehilfen hat er Zeit gehabt, den Gegner zu studieren. Seine Bewegungen, seine Angriffsgeschwindigkeit, ob er bevorzugt das linke oder das rechte Horn benutzt. Er führt den Stier in eine Position, aus der heraus er Pferd und Reiter angreifen soll. Das Reglement schreibt drei picas vor. Zwischen den Begegnungen lenken die drei matadores in wechselnder Reihenfolge den Stier vom Pferd ab und beweisen ihre Kunstfertigkeit in der Handhabung der capa. Chicuelinas, gaoneras, navarras ... ich brauche noch viel Zeit, um ihre übungen voneinander unterscheiden zu können. Der Stier greift in grader Linie an. Er bohrt seine Hörner in die Decke des Pferdes. Der picador hat es nicht geschafft, ihn mit der Lanze abzufangen. Oder nicht versucht. Hilflos stochert er drauf los. Ziel der pica ist es, den Nackenmuskel des Stieres zu schwächen. Nur wenn er den Kopf herunternimmt, kann der matador ihn später mit einem Degenstich durch die Schulterblätter in die Hauptschlagader töten. Der Stier wirft Pferd und Reiter in die barrera. Die Hinterbeine des Pferdes knicken ein. Der picador wird vom Leib des Tieres begraben. Die hauptsächlichen Verletzungen der picadores sind Rippenbrüche und Gehirnerschütterungen. Der Reiter schwitzt Angst. Seine rechte Hand blutet. Man hat kein Mitleid mit ihm. Pfiffe !!! Das Pferd stellt sich instinktiv tot. Es dauert, bis die Arenagehilfen es wieder aufgerichtet haben. Irgendwann mogelt der picador seine Lanze in die vorgeschriebene Stelle. Oder daneben.

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