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Erich
Travestie für 1 Schauspieler und Band  
Leseprobe
Das Leben hat gut reden. Das kann ich auch, mich hinstell'n
und sagen: nun mach mal, Erich ! Aber wo ? Und mit wem ?! Ich bin
nicht grad' mit n-t-v gross geworden, aber soviel versteh' ich auch
vom Kapitalismus: es kommt auf den Dax an. Und der zeigt bei
mir steil nach unten. Tante Lilly war Alles, was ich hatte. Und sie
war Alles in Einem. Freundin, Kritikerin, vor Allem war sie meine
( MIT GEDEHNTER STIMME ) „Anlage“ - Beraterin. Und jetzt ist
sie tot. Und ich steh' hier und frier' mir den Arsch ab ! ( SETZT
SICH UND ÖFFNET SEINEN KOFFER ) Nach meinem
background hat mich die Polizei gefragt. Nette Jungs, ich mag
Uniformen, wirklich, aber b a c k g r o u n d ? In Bitterfeld ?! In
Bitterfeld gab's nur Braunkohle. Und die Bitterfelder
Literaturtage ! Aber die handelten auch meistens von
Braunkohle ! ( NIMMT SEINE MUNDHARMONIKA AUS DEM
KOFFER ) Das ist Alles, was mir von meinem „background“
geblieben ist. Ein Geschenk von meiner Mutter. Zu meiner
Entlassung aus dem Knast ... ( IMPROVISIERT EINE SCHRÄGE, BLUESIGE VERSION DER
INTERNATIONALEN ) Hat ja lange an das „Positive“ im Apparat geglaubt, die Gute. Erst als es ihr selbst
an den Kragen ging, ist sie aufgewacht. Viel zu spät natürlich. Ich war mal grade elf Jahre alt, als sie
meinen Vater abgeholt haben. Arme Mama ! Erich, hat sie immer gesagt, an irgend etwas muss der
Mensch glauben, sonst unterscheidet er sich nicht vom Tier. Papa war ja ursprünglich mal so'n
waschechter verdienter Genosse, Bauingenieur, Held der Arbeit und so, bis er schliesslich am
27. Bitterfelder Fünfjahresplan gescheitert ist und sie ihn in die nächstbeste Reinigungsbrigade gesteckt
haben. ( HOLT EINE FLASCHE AUS DEM KOFFER ) Ein absoluter flop ! Zuerst hat Papa den
Betriebsführer kritisiert, dann die Reinigungsverordnung und zum Schluss den ganzen realen Sozialismus.
Als richtiger Systemkritiker ist er in die Historie der Bitterfelder Fünfjahrespläne eingegangen ... ( ER
MACHT DIE FLASCHE AUF. ZUM BASSISTEN ) „Münsteraner Bullenschluck“, Tante Lillys letzte
Flasche, willste mal probier'n ? ( DER BASSIST SCHÜTTELT DEN KOPF. ERICH TRINKT, SETZT DIE
FLASCHE AB ) Schoko - Lilly, Mamas Schwester, meine erste Anlaufstelle nach dem Mauerfall. Tante
Lilly hat mir, als ich noch zur Schule ging, immer geklaute Schokoladentafeln nach Bitterfeld geschickt.
Bitter, Zartbitter, Vollmilch, Vollmilch Nuss, von West nach Ost in ganzer Breite die Münsteraner
Schokoseite. Neulich, das heisst vor’n paar Monaten, bei Herrn Gauck, hab' ich sie wiedergesehen, die
Schokoladenetiketten, mein ich, in meiner Stasiakte, alphabetisch nach Hersteller sortiert, mit
Verfallsdatum. Ein seltsames Gefühl, wenn man sich Jahre später durch seine pubertären Westkontakte
blättert. Aber wen interessiert das schon ? Nur ein toter Ossi ist ein guter Ossi ! ( EINE TURMUHR
SCHLÄGT HINTER DER BÜHNE. ERICH SCHAUT AUF SEINE ARMBANDUHR ) Gleich halb sieben.
Jetzt hat Mama gerade den Abwasch beendet und sitzt vor ihrem Hochzeitsphoto. Trockenblumen, links
und rechts 'ne Kerze, ein richtiger kleiner Privatfriedhof. Auf einen öffentlich geh'n bringt nämlich nichts,
niemand konnte Mama später sagen, wohin sie meinen Herrn Papa entsorgt hatten, nachdem sie mit ihm
fertig waren. Meine Mutter: ein richtiges sozialistisches Einzelschicksal, viel bleibt da nicht ausser
Trockenblumen. ( HOLT EINE KERZE AUS DEM KOFFER ) Hier hat man wenigstens ein eigenes Grab
zum Pflegen ! ( ZÜNDET DIE KERZE AN, STELLT SIE AUF DEN BODEN ) Davon wird Lilly natürlich auch
nicht wieder lebendig, aber wenigstens wird es einem ein bisschen wärmer ums Herz. ( SCHAUT SICH
UM ) Fehlt nur ‘n bisschen Grünzeugs. ( ER GEHT HINÜBER ZUM NACHBARGRAB UND LIEST LAUT
VOR ) „Hier ruht in Friden Dr. Koch, er füllte hier sein letztes Loch“. Wahrscheinlich ein Kassenpatient, der
sauer auf seinen Zahnarzt war. Frieden nur mit „i“ ! Das hätte es bei u n s nicht gegeben ... ( ERICH
NIMMT EINEN TOPF WELKER BLUMEN VOM NACHBARGRAB. KOPFSCHÜTTELND ) Vier Millionen
Analphabeten ! ( KNIET NIEDER UND STELLT DEN TOPF NEBEN DIE KERZE ) Aufhebung des
Privateigentums auf dem Boden des Privateigentums hätte man das bei uns genannt. ( WIEDER
SCHLÄGT DIE KIRCHTURMUHR ) Neeeee, Mama, Erich never comes back, ich will frei sein, verstehste,
frei, wie‘n Vogel, Amsel, Drossel, Fink und Star und die ganze Scheisse. ( STEHT AUF, SCHAUT AUF
DEN TOPF ) Nie wieder Knast, hab' ich mir geschwor'n, da werd‘ ich lieber Alleinerzieher, jetzt, wo Tante
Lilly nicht mehr da ist !
1ooo Mal zog in Gedanken ich in eine heile Welt. Ohne Grenzen, ohne Schranken, ohne Mamas
Bitterfeld. 1ooo Mal wurd ich getroffen, tausend Mal am Tag war Nacht. Und ich stand die
Deckung offen und geschlossen stand die Macht.
Ich schlag' zurück so gut ich kann. Ich bin kein Opfer, kein Opferlamm !
1ooo Mal sah ich mich ziehen über's Wasser, über's Land. Fliehen wollt ich, nichts als fliehen,
mit dem Kopf durch jede Wand. 1ooo Mal war ich am Boden, 1ooo Mal hab ich verlor'n. 1ooo
Mal hab ich geblutet, 1ooo Mal hab ich geschwor'n: Ich schlag' zurück so gut ich kann, ich bin
kein Opfer, kein Opferlamm !
Jeder kämpft auf seine Weise. Und ich kämpfe, wie ich muss. Manchmal laut und manchmal
leise. Aber i m m e r bis zum S c h l u s s !!!
1ooo Mal hab' ich im Spiegel mich nach Falten abgesucht. 1ooo Mal hab' ich vor'm Spiegel mich
geliebt und mich verflucht. 1ooo Mal war ich ganz oben, 1ooo Mal war ich ganz down. 1ooo Mal
war ich ein König, 1ooo Mal war ich ein Clown. 1ooo Mal hab ich mit Lilly sturzbesoffen
durchgemacht. Und dann stand der Käfig offen für die Dauer einer Nacht. Und der Himmel war
voll Geigen und die Nacht war rosa - rot. Und die Dummheit war am Schweigen. Und ganz
Bitterfeld war tot. Jeder kämpft auf seine Weise, und ich kämpf' und bleib am Ball. Und ich lauf'
und lauf' im Kreise. Bitterfeld ist überall !
Ich schlag' zurück so gut ich kann. Ich bin kein Opfer, kein Opferlamm !
Und ich kämpf' auf meine Weise. Und ich stehe meinen Mann. Lilly, wohin geht die Reise ? Lilly
sag', wo komm ich an ?!
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