Die Kuh, Herr Goebbels und Marlene

Komödie Marlene Dietrich, Karikatur von Hans Pfannmüller (1954)

2D,1H,1Kuh

Leseprobe

Was willst du, Papilein ? Ewige Leidenschaft ? Blödsinn. Nach der Trauung bleibt nur noch Mundgeruch im Bett. Immerhin hast du mir ein Kind gemacht. Das ist mehr, als die meisten anderen Männer von sich behaupten können. ( RUDI SPRINGT WÜTEND AUF ) Von den Frauen ganz zu schweigen. Wohin gehst du ?

Deine Negerpuppe suchen.

Lieb von dir. ( RUDI AB. MARLENE POSITIONIERT SICH WIE OBEN VOR DEM SPIEGEL. VERÄCHTLICH ) Abgelegte Kleider. Millionen Menschen wären froh, wenn sie die abgelegten Kleider der Dietrich tragen dürften. ( SIEHT PLÖTZLICH DAS KRUZIFIX ) Nichts für Katholiken, Schätzchen ! ( STELLT DAS KRUZIFIX MIT DEM GESICHT ZUR WAND, BEGINNT IHRE RÜSCHENBLUSE AUFZUKNÖPFEN ) Ich liebe Papilein, wirklich, aber von morgens bis abends will er seinen ... seinen ... du weisst schon, in mich reinstecken,, und wenn ich e i n m a l nicht will, ist er wütend und läuft aus dem Zimmer. Und das seit 13 Jahren. ( INTONIERT DEN SCHLAGER "UNTER DEN LINDEN" ): Untern Linden, untern Linden gehn spaziern die Mägdelein. Wenn du Lust hast anzubinden, dann spaziere hinterdrein. Fängst du an beim Café Bauer, sagt sie dir noch: ich bedauer. Bist du am Pariser Platz, schwupps, da ... ( DIE KUCKUCKSUHR SCHLÄGT ) Du bist jetzt still ja ? Du sollst still sein, ha ick jesacht. ( DIE KUCKUCKSUHR HÖRT GEHORSAM AUF ZU SCHLAGEN ) Na also, geht doch ! ( WIRFT DIE BLUSE ÜBERS SOFA. ZUM KREUZ ) Willst du wissen, was ich mir wünsche, wenn ich alt und hässlich bin und alle Nazis tot ? ( EIN LEISES KLOPFEN AN DER TÜR ) Ein Begräbnis in Berlin. Von Wilder inszeniert. Sternberg ist nämlich dann schon längst gestorben an seinem Liebeskummer. ( BEGINNT IHREN TIROLER ROCK AUSZUZIEHEN ) Tut mir leid, ich mag nun einmal keine kleinen Männer als Liebhaber ... ( WIRFT IHREN ROCK ÜBERS SOFA, ÜBERPRÜFT IHR SPIEGELBILD. EIN ZWEITES KLOPFEN ) Am Besten sterbe ich im August. Da regnets nicht so viel. Ausserdem erspare ich mir die kommende Spielzeit. S e c h s Präsidenten tragen meinen mit dem Sternenbanner bedeckten Sarg, ein Stern für jeden Oscar, den ich nicht bekommen habe. Der Kurfürstendamm ist schwarz von Menschen. Aus aller Welt sind die Schwulen nach Berlin gereist. Sie tragen Zylinderhüte, Stöckelschuhe und Strapse und wollen aussehen wie ich im "Blauen Engel". Was ihnen natürlich nicht gelingt. Vor dem Portal der Gedächtniskirche steht Billy und drückt den ankommenden Trauergästen Rosen in die Hand. Rote für die, die mit mir geschlafen haben, schwarze für die, die es gern getan hätten. Als endlich mein Sarg hereingetragen wird, ist die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Vor’m Hauptaltar stehen Claire Waldoff und Gertrude Stein und hauen sich ihre roten Rosen eifersüchtig um die Ohren. In der ersten Reihe sitzt deprimiert an seiner schwarzen Rose knabbernd Edward. Edward hat sich mit 98 Jahren endlich von "Mrs. Wallis Simpson" scheiden lassen und betrauert seine verpasste Gelegenheit. Neben ihm trauert Papilein. In der Seitentasche seines neuen Cutaways von Knize steckt die unbezahlte Rechnung von Tamaras letzter Abtreibung. Tamara ist zu Hause geblieben. Sie lebt in einem Pariser Sanatorium und hält sich für Marlene Dietrich. Claire und Gertrude haben inzwischen ihre Rosen weggeworfen und gehen mit blossen Fäusten aufeinander los. Andere Rosen mischen sich ein. Bald ist der Krieg in vollem Gange. Jeder kämpft gegen Jeden. John Wayne versucht Ordnung in das Chaos zu bringen. Er versammelt die Schwarzen unter sich und führt sie gegen die Roten unter Gary Cooper. Sein Bass dröhnt wie das jüngste Gericht. Unter Papileins ärgerlichen Blicken kletter ich aus meinem Sarg. An der Kirchentür laufe ich Ernest Hemingway in die Arme. Er trägt seine grüne Armeejacke. Die Times hat ihn als Kriegsberichtserstatter nach Berlin geschickt. Yeah, Kraut, says he, you are the best what ever aus die fucking Sarg gestiegen ist.

Links zum Thema: www.marlene.com, www.dhm.de/lemo/html/biografien/GoebbelsJoseph/


(c) Rolf Rettberg 2009
Webdesign by smo