Die Terroristen

Leseprobe

Monolog Pias:

Am Anfang ist der Schmerz, dann kommt die Verachtung, und zum Schluss der Hass. Zuerst willst du ihn nicht, aber er richtet sich in dir ein, pünktlich, zuverlässig, ein idealer Untermieter. Du beobachtest ihn, am Tage, nachts, in deinen Alpträumen, ihr fahrt getrennt in Urlaub, geht zusammen zur Kirche, irgendwann hat er von deinem ganzen Haus Besitz ergriffen. Dann stehst du eines Sonntags vor dem Spiegel. Du schaust in deine dunklen Augen, und die Kirchenglocken läuten: Töte, Töte, Töte ! Wir sind David, nicht Goliath, und wir haben nicht viel mehr als unsere Steinschleudern. Es ist eine Frage der Sprachregelung. Wer sind die Terroristen ? Jene, die eine Bombe vor einem Militärquartier zünden, oder jene, die von den sicheren Cockpits ihrer Flugzeuge aus ganze Dörfer und Landschaften ausradieren ? Mörder, sagen die Pazifisten zu uns, und sie haben Recht. Wir sind Mörder. Aber wem nützt ihr Pazifismus ? Haben ihre Demonstrationen und Lichterketten den Tod nur eines einzigen vietnamesischen Kindes verhindert ? Die Schafe können es sich nicht leisten, auf die Bekehrung der Wölfe zu hoffen. Täglich sterben Hunderttausende von ihnen, im Bombenhagel, am Hunger, auf der Folter. Wenn ihr zu ängstlich seid, die Waffe in die Hand zu nehmen, dann sagt es ! Ich weiss, was Angst ist und würde euch nicht dafür verurteilen. Aber ihr solltet eure Angst nicht hinter der Maske des Pazifismus verstecken. Das Schlimmste ist die Stille, Paul. Kein Geräusch dringt von aussen in meine Zelle. Die einzigen menschlichen Kontakte sind die Schliesser, die mich täglich nach Waffen durchsuchen. Dabei besitze ich nicht mal mehr eine Nagelfeile. Wenn es mir nicht so schlecht ginge, würde ich lachen. Hier hockt Klein Pia mit ihrer Angst, lebendig eingemauert zu werden, und draussen zittert ganz Deutschland vor ihr. Sie haben die Träume unserer Jugend mit Stiefeln getreten, Paul. Ich habe um dich geweint, wie man nur weinen kann. Den ganzen Grunewald hätte man mit meinen Tränen fluten können. Erinnerst du dich ? Hand in Hand sind wir im Winter durch den Park gegangen. Du trugst einen dieser dunkelblauen Dufflecoats, die damals Mode waren. Ich wärmte meine Hand in deiner Tasche, und wir dachten, wir hätten alle Zeit der Welt. Zeit war das, was wir am w e n i g s t e n hatten...

Link zum Thema: Isolationshaft


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