Der Schlaf der Vernunft ...

Goya

Road Runner

Krümmt die Schultern,
Männer und Frauen der Nacht.
Zerballt die Fäuste.
Versucht, den Heiligen
Fluss zu erreichen,
der eure Seelen
erwartet.
O Gott,
hab ich dich
verleugnet,
so hilf mir,
erschaffe mich neu,
ich will nicht sterben
am Kreuz.


Nachtgebet

Aus tiefster Not
schrei ich zu dir,
Engel der Stadt.
Tragen will ich deine funkelnde Rüstung.
In deinen Armen weinen und
schlafen.
Stumm blickst du und aus den Wänden
drängen die Toten.


Wolfsmond

Hungrige Augen lecken am
Himmel,
dessen Licht sich über mein Antlitz
ergiesst,
gezeichnet von den Bissen der grauen
Schatten.
Gesichtslos die Opfer der
Nacht,
einsam der Tod, der unter Tannen
verröchelt.


Kindheit

Ein aus Granit gehauener Traum schwamm ich in's Licht
und zerriss meine Mutter.
Ihr Schmerz zerbiss
das Gesicht des Kindes.


(...)

Risse im Kalk verwehren den
Schlaf,
dessen blaugoldene Pracht der Schläfer nicht
weiss.
Sanft fallender Schnee auf sterbenden
Wimpern,
in der Dünung sich
wiegend.
Mein Körper schleicht in den
Tag,
aufgeleckt von der
Sonne.


Pieta

Gläserne Frau, dein Thron ist nicht
meiner.
Leben will ich und sterben als
Mensch,
nicht als Bild deines nächtlichen
Gottes.
Ich reisse mich aus den Nägeln des Ewigen
Rom,
tanze im Schatten des Baumes, den meine Hand
pflanzt.
Die Welt deinen
Tränen.


Annabelle Lee

Deine Lippen schmecken nach
Erde.
Deine Brust kühler
Marmor.
Dein Schoss ein Nest für sterbende
Vögel.
Rot färbt sich dein
Kleid.


Prozession

Schwarzer Milan, Wüstenklimmer, der du die weisse Madonna mit Schnabelhieben
verhöhnst.
Die Taube flieht den Sog deiner
Schwingen,
drängt sich zitternd, mit angststeifem Flügel, in die Achsel des sterbenden
Christus.
Rot trieft das Auge des Jägers. Die Menge wälzt sich im
Staub.


Paso doble

Zerbissen die Lippen. Die Hufe wühlen im
Sand.
Ein flirrender Traum der Tod. Enthauptet die
Sonne.


Veronika

Brüllender Muskel. Gefrässige
Sonne.
Taumelnd im schwarzen Gebirge.
Der Degen trennt Himmel und Horizont.
Schwer prallt der Gott in den Sand.
Erleichtert atmet der
Töter.


(c) Rolf Rettberg 2009
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