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Wie ich die Zauberflöte hasse
Leseprobe  
Wie ich die Zauberflöte hasse. Mein Gott, wie hasse ich die Zauberflöte.
Lis hat mir gezeigt, wie das geht: die Zauberflöte hassen. Lis liebt die Zauberflöte.
N u r die Zauberflöte. Ja, wenn ich ER gewesen wäre, der Meister, der Sudelfritze aus
Salzburg, Bäsles Augsburger Schweindl, aber der bin ich nicht, trotz meines, SEINES mir
von Lis gleich zu Beginn unserer Liebe anbefohlenen Zopfes, trotz meines, seines mir heute
kläglich im Nacken baumelnden Mozartzöpfchens, denn wo andere Männer graue Haare bekommen
hätten und "interessant" geworden wären, "interessant" plaudernde Tischherren auf den Bällen
der Saison, zum Beispiel, zum Beispiel auf dem Opernball, der Zauberflötlerinnen liebster Ball,
oder "interessant" plaudernde Reisebegleiter, "K u l t u r" - Führer, da fielen sie mir aus,
die Haare, wie Vogelfedern, wie die Federn von Papagenos eingesperrten Kanarienvögeln, die
übrigens längst nicht so ausdauernd falsch singen wie Lis auf ihren Zauberflötenmatinéen, wo
ich mich immer mehr geduldet fühlte als erwünscht, t r o t z meines
Mozartzöpfchens und trotz meiner gelegentlichen Klavierkompositionen: harmoniesüchtige Bremerhavener
Vierminutenwalzer, die ich Lis in den ersten Jahren unserer Ehe, als ich noch glaubte, Alles
würde sich schon richten, unter den Christbaum legte, auf den mit geschenkpapierenen Trompetenengeln,
Violinschlüsseln und Mozartköpfen besprenkelten Weihnachtstisch, das "G a b e n - Tischchen",
um Lisens emfindsamere Bezeichnung des zerkratzten Glastischchens zu benutzen, das einmal im
Jahr aus dem Keller geholt wurde, an 's Tageslicht gezerrt, von mir, "nach oben", in den Salon,
in 's Licht der Heiligen Nacht, von mir, Lisens künstlerischem Fiasko. Auf 's Gabentischchen
legte ich sie, meine Minutenwalzer, auf die zwischen Weihnachtskrippe und bunten, kandierten
Früchten, Nougatwürfeln, Mozartkugeln und grimmigem, mürrisch auf Maria und Joseph und 's "Kindl"
starrenden steirischen Nussknacker liegenden, von mir, ausgerechnet von mir besorgten neusten
Zauberflötenaufnahmen. Verlegen, fast schuldbewusst schaute ich Lis dann an, verlegen, fast
schuldbewusst nicht deshalb, weil ich mich für meine mässigen Walzer schämte, ich kenne meine
Grenzen, ohne sie wäre ich nicht Opernkritiker geworden, verlegen, fast schuldbewusst deshalb,
weil auch sie mich verlegen, fast schuldbewusst ansah, zwischen mich sah, genauer gesagt,
zwischen meine Beine, noch genauer, und dort das sah, was sie seit langem nicht mehr gerne sah,
obwohl sie dieses "das" bei ihren heute schon lange der Vergangenheit angehörenden "Exkursionen
ins pralle Leben" einmal gerne gesehen hatte, s e h r gerne sogar, sogar stolz auf sich gewesen
war, wenn sich dieses "das" gleichsam von selbst, ohne dass sie es hätte berühren oder besprechen
müssen, schon dann aufgerichtet hatte, wenn sie es nur angeschaut hatte mit ihren kühlen, grauen
und, wie 's manchmal, in Lis' schlechten Romanen, so schön heisst: wissenden Augen.
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