Herforder Kreisblatt vom 27.10.1998

»M - eine Stadt sucht einen Mörder« nach Fritz Lang im Theater

Kinoklassiker über Nazi-Terror als gelungenes Bühnenstück

Herford (HK). Eigentlich sollte es am Sonntag abend lustig zugehen im Herforder Stadttheater. Doch nachdem im Mai Raimund Harmsdorf, geplanter Hauptdarsteller der Komödie »Ausgerechnet Hamlet«, verstorben war, wurde die Tournee abgesagt. Als Ersatz gab es ein beklemmendes Stück über ein überaus düsteres Kapitel deutscher Geschichte: »M - eine Stadt sucht einen Mörder«, ein Drama, das Rolf Rettberg nach dem gleichnamigen Filmklassiker (1930) von Fritz Lang erarbeitet hatte und das mit der diesjährigen Tournee seine deutsche Erstaufführung erlebte.

Es ist die Geschichte von einem Kindermörder, einem gefährlichen Psychopathen, der die ganze Stadt in Angst und Schrecken hält und der von einer Lynchjustiz niedergestreckt wird. Vergeblich versucht der kranke, schizophrene Mörder, Verständnis für sein zwanghaftes Verhalten zu finden und vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden. Doch die dominierende Unterwelt will »Volksschädlinge« vernichten, obwohl sie sich selbst schon vieler Verbrechen schuldig gemacht hat.

Eigentlich ist diese Geschichte nur ein Vehikel, um den bedrohlichen Zeitgeist zu dokumentieren, der sich in den Dreißiger Jahren in Deutschland entwickelte und den Fritz Lang erspürte. Viele Metaphern gibt es dazu im Stück. Die Figur des Mörders hat zwei Bedeutungen. Einmal steht sie als Synonym für die Angst, die erzeugt wird, für die Schizophrenie, die mit der Gewalt hochkommt, zum anderen für die unbarmherzige Weise, mit der das Dritte Reich sich Andersartigen, sogenannten »Untermenschen«, entledigte. Wer dagegen aufbegehrt, wie im Stück der blinde Bettler, der den Machthabern zu erklären versucht, daß ein kranker Mensch nicht in die Hände eines Henkers, sondern in die eines Arztes gehört, wird elimeniert.

Das auf den Mantel des Mörders gemalte M erinnert an den Judenstern, und wenn ein spielendes Mädchen am Ende des Stückes wieder naiv den Gassenhauer »Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Schwarzmann auch zu Dir, mit dem kleinen Hackebeilchen ... « trällert, dann ist es nicht der Schwarzmann, sondern die Gestapo, die anrückt. Sie trug einen Judenstern.

Ein beklemmendes Stück, von Thomas Stroux eindringlich in Szene gesetzt, mit durchwegs guten Interpreten, unter anderen Jens Wawrezeck als winselnder Kindermörder, der an seiner unheilvollen Veranlagung leidet und um Verständnis fleht; Walter Skotton, der blinde Bettler als Vertreter der Humanität; Peter Kuiper als Krimineller und Zuhälter mit typischem Nazi-Gedankengut; Eva Renzi als seine Prostituierte, die in mitmenschlichen Dingen mit unverfälschtem Gefühl reagiert und der Wirt Horst Köppen, der den typischen Mitläufer darstellt.

Das Bühnenbild in Schattierungen von Grau bis Schwarz gab die ganze Tristesse des Sujets wieder, das die Zuschauer gefangen hielt. Sie zollten Spielern und Stück langanhaltenden Beifall.

Helga Ruß


Münsterland-Zeitung vom 30. 9. 1998

Schauspiel von Rolf Rettberg in der Stadthalle aufgeführt

Moderne Demokratie im Lazarett: Mörderjagd spiegelt Gesellschaft

Stadtlohn (sd) - Berlin zu Beginn der dreißiger Jahre: es herrscht Inflation und die moderne Demokratie liegt im Lazarett. Eine Rückblende in die Zeiten des Niedergangs der Weimarer Republik und drohender nationalsozialistischer Herrschaft zeigten am Montagabend zur Eröffnung der neuen Theatersaison des Kulturrings Stadtlohn-Vreden in der Stadthalle die Schauspieler Jens Wawrczeck, Eva Renzi, Peter Kuiper, Anna Morawetz, Horst Köppen, Walter Skotton, Joachim Szaunig und Friedhelm Naroznik, im Theaterstück M - eine Stadt sucht einen Mörder" verfaßt von Rolf Rettberg, nach einem Schauspiel von Fritz Lang und Thea von Harbou, für die Tournee eingerichtet von Thomas Stroux.

Es ist weniger Krimi als vielmehr Milieu- und Gesellschaftsstudie. Zum Inhalt: Sechs Mädchenmorde sind im Berliner Stadtteil Wedding geschehen. Gemeinschaftlich sucht man nun den Mörder. An der Fahndung beteiligt sich auch die Berliner Unterwelt, nicht zuletzt aus Eigennutz, um vor weiteren Razzien der Polizei sicher zu sein. Ein erschreckendes Klima von Gewalt und Unterdrückung zeigen die einzelnen Szenen. Von einem faschistisch gesinnten Zuhälter werden Menschen zur Ware degradiert, beurteilt lediglich nach ihrer Nutzbarkeit. Dieser schwingt sich schließlich - selbst nicht schuldlos - in einer Art Tribunal zum Richter des Mörders auf.

Die Verurteilung des offensichtlich unter einer Persönlichkeitsspaltung leidenden Täters endet so in Willkür, Selbstjustiz und Anfeindungen.

Mit wohlwollendem Applaus bedachte das Publikum die Schauspieler, besonders Jens Wawrczeck, der mit der Rolle des Mörders sicherlich den schwierigsten Part zu meistern hatte.


Saarbrücker Zeitung - HOMBURGER RUNDSCHAU 5.10.1998

Mit dem Hackebeilchen ...

Beklemmend: Theaterauftakt im Homburger Saalbau mit "M - Eine Stadt sucht einen Mörder"

Die Besucher erlebten einen schauspielerisch und thematisch sehr anspruchsvollen Theaterabend.

Ein kleines Mädchen spielt Ball und trägt dazu rhythmisch vor, "Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Schwarzmann auch zu Dir. Mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus Dir." Abgang, ein spitzer Schrei - schon wieder hat der Serienmörder zugeschlagen, der Berlin in Atem hält. Nicht nur die Polizei und die guten Bürgerinnen und Bürger, die Angst um ihre Kinder haben, versetzen die grausamen Mädchenmorde in Hysterie, auch die Berliner Unterwelt ist betroffen.

Wir schreiben das Jahr 1930. Berlin ist gezeichnet von dem verlorenen Ersten Weltkrieg, der Massenarbeitslosigkeit und der Wirtschaftsdepression, auch die unterste Gesellschaftsschicht, die Diebe, Bettler, Zuhälter und Huren spüren die Not. Um so vehementer reagieren sie auf die ständige Belästigung durch die Polizei, die hektisch mit immer neuen Razzien den Kindermörder sucht. Die Unterwelt beschließt, selbst an der Jagd teilzunehmen, nicht aus Gerechtigkeitssinn, sie will nur wieder ungestört ihren dunklen Geschäften nachgehen. Tatsächlich gelingt es einem blinden Bettler, den Triebtäter an einer gepfiffenen Melodie zu erkennen. Er wird gestellt, landet vor einem Tribunal der Unterwelt ...

Zwei große, schräg gestellt Buchstaben "M" beherrschen die in Grautönen gehaltene Bühne im Homburger Saalbau, sind Symbol und schiefe (!) Spielebene in einem. Doch "M" steht nicht nur für Mörder. Im Berlin der Weimarer Republik wurde auch zunehmend der Ruf nach einem starken Führer laut, kamen die Nationalsozialisten auf. Auch ihre Anhänger tragen in dem Theaterstück "M" - Eine Stadt such einen Mörder" als Abzeichen ein rot umrandetes "M". Mörder also hier und da, die einen aus Machtgier, der andere aus Besessenheit. Wer die Verachtenswerteren sind, daran läßt das Stück keinen Zweifel. Der Triebtäter ist nicht verantwortlich, er ist ein kranker Mensch, der Hilfe braucht. Für den Völkermord durch die Nationalsozialisten gibt es hingegen keine Entschuldigung. Immer wieder ertönten Marschschritte und Nazigesänge zwischen den Szenen. Am Schluß spielt wieder ein Mädchen Ball. Ein SS-Offizier tanzt mit ihr, das Mädchen trägt den Judenstern. Wie ein Puppe fällt sie leblos in seinen Armen zusammen. Der Bogen hat sich geschlossen.

Rolf Rettberg, geboren 1948, kann in seiner Bearbeitung von Fritz Langs Film aus dem Jahr 1931 weitaus deutlicher sein, als der große deutsche Filmregisseur. Lang mußte mit seiner Sozialkritik viel zurückhaltender umgehen, konnte zum Beispiel den ursprünglich geplanten Titel "Mörder unter uns" wegen Naziprotesten nicht benutzen. Wo bei Lang die Polizei in letzter Sekunde die Lynchjustiz verhindert, endet bei Rettberg der Mörder mit einem vom Unterwelttribunal inszenierten "Selbstmord". Auch in der neuen Theaterversion tritt das heute mehr als aktuelle Thema des Kindermordes hinter der Sozialkritik zurück. Doch zum Glück gibt es die Schauspieler, die mit der Intensität ihrer Darstellung allen Facetten der Handlung Geltung verschaffen. Allen voran bringt Jens Wawrczeck den Mörder in seiner schizophrenen Besessenheit zwischen grausamen Triebtäter und armer, geschlagener Kreatur so beklemmend über die Rampe, daß es dem Zuschauer eiskalt den Rücken hinunterläuft. Gebannt folgt man seinem Seelenstriptease, schwankt zwischen Entsetzen und Mitleid. Ebenso überzeugend und diabolisch in seiner Unmenschlichkeit ist Peter Kuiper als Zuhälter, selbstgefälliger "Richter" und angehende Nazigröße. Eva Renzi spielt die alternde Hure mit Herz und einem Rest an Gerechtigkeitssinn. Walter Skotton ist als humanistisch gebildeter Bettler Sinnbild des kranken Rechtsstaats und Horst Köppen als Wirt der typische Nazi-Mitläufer. Ein schauspielerisch und thematisch sehr anspruchsvoller Theaterabend im Saalbau, der noch einiges zum Nachdenken mit auf den Nachhauseweg gab.

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